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Meine Seele erhebt den Herrn,

Predigt


und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes.
Mit diesen großen Worten beginnt das Loblied der Maria im Lukasevangelium. Heute, am Vortag von Weihnachten, hörten wir die Erzählung, wie Maria schwanger wurde, wie sie von einem Engel von ihrer Aufgabe erfuhr, wie sie ihre Verwandte Elisabeth besuchte und wir durften selbst in ihren Lobpreis miteinstimmen. Magnificat wird dieses Stück Poesie auch genannt. Doch nicht immer hatte ich große Freude, wenn ich mich diesem Text stellen musste.

Es war ein normaler Mittag im Frühling dieses Jahres. Ich verfiel fast in Schockstarre: Im Predigerseminar sangen wir gemeinsam die Vertonung des lateinischen Magnificats. Ungeprobt… Als Kanon… Unangekündigt Acht-stimmig… Zu neunt….
Mir wurde heiß und kalt gleichzeitig. Ich war Dritter in der Reihe und wusste nicht, wie mir geschah. Als musikalischer Laie blieb mir nur eins: Flucht aus dem Fenster! Oder singen… Ok, ich singe. Als der bestimmende Finger mir den Einsatz gab, stimmte ich zögerlich und mit wenig Mut ein: (zögerlich, leise und leich schief singend). „Magnificat, magnificat…“ Zum Glück füllte sich der Raum schnell mit Stimmen, sodass ich in eine Stimme meiner Mitstreiterinnen abwandern konnte.
Maria sang weniger zögerlich. Weniger erzwungen. Wahrscheinlich auch weniger schräg. Sie stimmte von ganzem Herzen ein, denn sie wusste, Gott hat großes mit ihrem Kind vor. Erstaunlich ist die Sicherheit, mit der Maria ihr Schicksal annimmt. Heute ist es kaum vorstellbar. Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden: Maria war gerade mal so alt wie ihr! Doch zugegeben: Marias Herz war nicht von Anfang an voller Euphorie. Erinnern wir uns doch an die Lesung: Maria erfährt vom Engel von der bevorstehenden Schwangerschaft. Ihre erste Reaktion lautet: Wie soll das gehen? Ich bin mit meinem Mann nur verlobt. Vom Händchenhalten wird man dich nicht schwanger. Der Engel überzeugt sie vor der Richtigkeit seiner Nachricht. „Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.“ Doch nicht an dieser Stelle überströmt es Maria vor Glück. Sie gibt klein bei: „Mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Das klingt zwar nach Gehorsam, aber nicht nach Freude. Es klingt nach Kapitulation. Verständlich, wenn eine 14-jährige so reagiert. Verständlich vor allem in einer Zeit, in der es für ein verlobtes Mädchen gefährlich war, auf einmal schwanger zu sein. Nur einen Steinwurf vom Tod entfernt. Im Angesicht einer möglichen Steinigung würde ich auch erstmal verhalten reagieren.
Maria erinnert sich, was der Engel ihr gesagt hat: Die Verwandte, Elisabeth, die Alte, sie soll ebenfalls schwanger sein. Wahrscheinlich schien ihr das ebenso unvorstellbar wie ihre eigene Schwangerschaft. Elisabeth war schon alt und ihr Leben lang ohne Kinder geblieben.
Elisabeths Leben war beschwerlich. Das Alter machte ihr zu schaffen. Ihr Mann war als Priester sehr beschäftigt und da war niemand, der ihr bei der alltäglichen Arbeit helfen konnte. Kein Sohn, der ihr Lebensmittel auf dem Markt kaufte. Keine Tochter, die ihr bei der Zubereitung der Speisen half. Da waren nur Blicke, Spott und Häme derer, die wegen ihrer Kinderlosigkeit lachten. Und wenn es das nicht war, womit sie Elisabeth quälten, dann war es das Mitleid. Ständig wurde sie darauf reduziert, keine Kinder zu haben. Das war es, das sie einsam machte. Die Gesellschaft macht es Kinderlosen nicht einfach.
Doch Gott erkannte ihre Situation und schenkte ihr ein Kind. Das war sein Weg, Elisabeth zu helfen. Man kann sich ärgern: Warum hat er Elisabeth nicht selbst zu einer großen Figur gemacht? Warum musste sie letztlich doch den Erwartungen der Gesellschaft entsprechen? Warum kann sie nicht auf anderem Wege eine Rolle im Heilsplan Gottes gespielt haben? Warum bleibt für eine Frau nur das Muttersein? Wir wissen es nicht. Doch man darf sich nicht der Vorstellung beugen, dass die Bibel für Frauen nur das Muttersein vorsieht. Wissen wir doch von anderen Beispielen, die wegen nicht wegen ihrer Kinder, sondern wegen ihrer Taten eine wichtige Rolle spielen. Freuen wir uns an dieser Stelle einfach darüber, dass Gott den Wunsch einer alten Frau noch erfüllte. Ihr Kind sollte sie Johannes nennen und unter den vielen „Johannessen“ der Bibel ist es derjenige, den wir den Täufer nennen.
Eine minderjährige Schwangere und eine uralte Schwangere treffen sich… So könnte ein Witz beginnen, dessen Ausgang ich noch nicht kenne. Wahrscheinlich war es auch für die beiden eine eigenartige Situation: Die eine hatte schon nicht mehr daran geglaubt, ein Kind zu bekommen, die andere war noch nicht verheiratet und sollte eigentlich gar nicht schwanger sein dürfen. Wunderlicher wird die Geschichte nur, als beim Gruß der Maria das Kind in Elisabeths Bauch anfängt vor Freude zu hüpfen. Ich selbst weiß nicht, wie es sich anfühlt, wenn man schwanger ist. Ich kenne aber die Freude und die Aufregung in den Augen einer schwangeren Frau, wenn das Kind tritt. Wie nahe muss sich Elisabeth ihrem Johannes gefühlt haben, als er zu hüpfen begann? Sie wusste, diese Regung ihres Kindes kommt nicht von ungefähr. Sie vertraute ihrem Bauchgefühl und grüßte Maria: Willkommen, Mutter meines Herren. Sie ist die Erste, die Jesus als ihren Herrn anerkennt.
Was für eine Ausstrahlung musste Maria, musste das Jesuskind im Mutterleib gehabt haben? Elisabeth beginnt vor Freude ein Loblied auf Maria zu singen. Kein Wort über ihre eigene Schwangerschaft. Keine lange Vorrede darüber, wie sie einem Engel begegnete. Beide Schwangeren könnten einander überschütten mit Erzählungen und Erlebnissen in der Schwangerschaft. Doch die Ältere lässt der Jüngeren den Vortritt. Sie nimmt sich selbst zurück und gibt der Jüngeren Raum. Das scheint in der Familie zu liegen: Johannes der Täufer sagt später von sich selbst: „Es kommt einer, der ist stärker als ich.“ Gemeint ist mit Sicherheit Jesus. Johannes tauft mit Wasser, Jesus kommt zu Errettung der Welt und tauft mit dem Heiligen Geist. Große Ereignisse wie diese werfen ihren Schatten voraus. Es zeichnete schon im Mutterleib ab, dass Johannes ein treuer Diener von dem sein wird, der die Welt befreit.
Maria trägt die Befreiung im Bauch. Und im Herzen. Und auf der Zunge. Nicht so zögerlich wie ich beginnt sie zu singen: Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist erfreut sich Gottes, meines Heilandes. Ihr Lied strotzt vor Befreiung. Sie weiß: Gott hat große Dinge an ihr getan und Gott tut noch größere Dinge in der Welt. Sie singt von Revolution. Und so singt sie:
Gott stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.
An Elisabeth und Maria hat er bereits gezeigt, was sein Programm ist: Er schreibt seine Geschichte mit denen, die in der Gesellschaft wenig zählten. Er erwählt Frauen, in einer Zeit, in der diese kaum Rechte hatten. Er erwählte eine alte Kinderlose, in einer Zeit, in der Kinderreichtum als Zeichen für Gottes Wohlgefallen galt. Er nimmt eine junge Verlobte von niederem Stand und macht sie zur Mutter des Messias. Er nimmt keine Königin, er sucht für seinen Spross keinen Palast. Er selbst krönt die Minderen. Gottes Heil kommt von unten. Gottes Heil kommt von ganz unten.
Und ihr Lied geht weiter. Sie singt:
Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.
Das ist die Gerechtigkeit Gottes. Maria buchstabiert für uns, wie es sein soll. Sie ist nicht zu jung, um die Missstände anzuprangern. Kürzlich erst durften wir erfahren, wie groß das Echo eine jungen Mädchenstimme sein kann. Greta Thunberg aus Schweden ist 15 Jahre alt und beeindruckt alle mit ihrer Rede über den Klimaschutz. Eine Stimme ist nie zu jung, um gehört zu werden. Eine Stimme ist auch nie zu alt, zu arm, zu ausländisch oder zu unterdrückt. Maria rückt die Hungrigen, die Bedürftigen in den Vordergrund. Auch heute noch ein politisches Problem. Würde sie heute singen, ginge es in ihrem Lied wohl auch um die Geflohenen. Und um die Benachteiligten. Sie würde vom Klimawandel singen und von den Folgen des Krieges. Ihr Gesang würde gleichermaßen den Pflegenotstand wie auch die Rentenkrise zum Inhalt haben.
Neulich habe ich eine Überschrift in einem Online-Magazin gelesen: Wie viel Politik verträgt das Fest der Liebe? Der Artikel ging der Frage nach, ob an Weihnachten zu viel Politisches gepredigt wird und zu wenig Raum für Liebe bleibt. Ich frage mich:
In was für eine Welt leben wir, in der Liebe und Politik sich ausschließen? Wie können wir NICHT über Politisches reden, wenn Menschen nach wie vor auf der Straße sitzen? Wenn die Schere zwischen Reich und Arm weiter auseinandergeht? Wenn Frauen für die gleiche Arbeit nach wie vor einen geringeren Lohn bekommen? Wo bleibt die Liebe, wenn wir diese Ungerechtigkeiten totschweigen?
Wer sagt, das Christentum, die Kirche, hätte nichts in der Politik zu suchen, der hat die Propheten nicht gelesen und die Prophetinnen nicht gehört. Maria ist eine Prophetin der Gerechtigkeit.
Heute, an diesem 4. Advent, ist noch nicht Weihnachten. Und die Gerechtigkeit Gottes ist noch nicht bei uns. Doch lassen sie uns singen, wie es Maria getan hat. Für sie wurde die Gegenwart eine andere in dem Moment, in dem ihr bewusst wurde, dass die Zukunft eine andere sein würde. Lassen Sie uns Gott loben, denn das, was Gott an Maria getan hat, ist kein Fruchtbarkeitswunder. Er schenkt nicht ihr ein Kind, sondern der Welt einen Heiland.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen
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