Home  |  Impressum  |  Datenschutz  |  Sitemap

Simeon preist den Heiland

Viel erlebt habe ich in meinem langen Leben im Jerusalemer Tempel. Ich möchte mich noch vorstellen: Ich bin Hannah, die Tochter des Phanuel; ich war eine Prophetin.
Schon im alten Israel gab es einige von meiner Sorte. Wir Frauen hatten schon was zu sagen, auch wenn das die Männer das nicht immer so hören wollten. Ja, die Leute brachten mir viel Respekt entgegen, denn immer wieder sprach Gott zu mir. Und mein Auftrag war es, dies an die Menschen meines Volkes weiterzugeben. Und wenn ich das Wort ergriff, waren alle ganz mucksmäuschenstill.

Quelle: Hannah und Simeon im Tempel |Technique, Öl auf Holz, 55,4 × 43,7 cm, Hamburg, Niederlande (Holland)

Jeden Tag war ich im Tempel, oft auch in der dazugehörigen Thora-Schule, wo die jungen Männer unterrichtet wurden. Im Lesen und Verstehen der Heiligen Schriften. Ich erinnere mich noch an den Tag, als ein junger Bub vor mir stand (ich selbst war damals auch recht jung); Simeon war sein Name; auf Deutsch: „Gott hat erhört“.

Sehr zaghaft, fast ängstlich kam er an, vorwärtsgeschoben von seinem Vater. Mit großen Augen schaute er zu, wie einer der Rabbiner eine der großen, heiligen Thora-Rollen aus dem kostbar verzierten Thoraschrein herausholte.
Der Rabbi hatte Exodus 20 aufgerollt. Die 10 Gebote. Und er begann mit dem ersten Gebot, das uns so wichtig ist, weil es deutlich macht, woher wir kommen. Und wie unser Gott sich für uns, sein auserwähltes Volk, einsetzt: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft geführt habe!“
Der kleine Simeon hörte zu und war ganz ergriffen.

Jeden Tag kam Simeon in die Thora-Schule. Immer selbstverständlicher las er in den Schriften, diskutierte mit den Schriftgelehrten und Lehrern. Es war mir eine Freude, diesen jungen Mann zu erleben, der sich sehr ernsthaft auf seine Bar Mizwa vorbereitete (sozusagen die Konfirmation der jungen jüdischen Männer). Aber er hörte nicht nur hingebungsvoll zu, sondern fragte auch kritisch nach.

Eines Tages war ich ganz berührt, da betete er voller Andacht den Psalm 71. Eigentlich ist es ja der Psalm eines älteren Mannes mit viel Lebenserfahrung. Aus seinem Mund klangen die Worte mit viel Kraft.

Besonders gerne erinnere ich mich an seine Bar Mizwa. Simeon war ganz aufgeregt, als er seine Kippa, seinen Gebetsschal und die Gebetsriemen, die Tefilin, umlegte. Mit großer Ernsthaftigkeit und Freude tat er das. Wie kraftvoll war es, als dann die ganze Gemeinde das Schᵉma Jisrael, das Glaubensbekenntnis unseres jüdischen Volkes, miteinander sprach: (Dtn 6,4-9).

שְׁמַעיִשְׂרָאֵליְהוָהאֱלֹהֵינוּיְהוָהאֶחָד
schəma jisrael adonai elohenu adonai echad!

Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig. Darum sollst du den Ewigen, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen. Du sollst sie deinen Kindern erzählen. Du sollst von ihnen reden, wenn du zu Hause sitzt und wenn du auf der Straße gehst, wenn du dich schlafen legst und wenn du aufstehst. Du sollst sie als Zeichen um dein Handgelenk binden. Sie sollen als Merkzeichen auf deiner Stirn sein. Du sollst sie auf die Türpfosten deines Hauses und in deine Tore schreiben. (Dtn 6,5–9)

 

Die Jahre zogen dahin. Simeon wurde älter. Er war ein ehrenwerter Geschäftsmann. Weiterhin kam er regelmäßig in den Tempel, um seine Gebete zu verrichten. Im Laufe der Jahre veränderten sich seine Gebete, wenn er sich Gott anvertraute. Viel Freude und Dankbarkeit über seine Frau und seine Kinder war da.

Aber wenn ihr denkt, er wäre nur ernsthaft und fromm gewesen, das wäre zu wenig. Er konnte auch ganz schön kniz sein.

Eines Tages – es war ein Sabbat – trafen wir uns beim Spaziergang. Simeon guckte ganz listig und fragte mich: „Sag mal Hannah, du kennst doch auch den Benjamin, meinen jüngsten Bruder.?“ „Na klar!“, antwortete ich. „Hat der nicht vor kurzem sein 4. Kind bekommen?“ - „Ja, genau! Pass auf: Der klagte mir neulich sein Leid:

Simeon, mein Leben ist nicht mehr erträglich. Wir wohnen zu sechst in einem einzigen Raum. Was soll ich nur machen? Es ist so eng, so laut. So kann ich nicht leben.

Ich habe ihn zum Rabbi Elieser geschickt. Der hat immer einen guten Rat! Dann hab ich eine Weile nichts mehr von meinem
Bruder gehört, aber neulich kam er zu mir und erzählte:

Weißt du, Simeon, ich bin zum Rabbi und hab ihm mein Leid geklagt – und willst du wissen, was er gesagt hat?“: „Du hast doch einen Ziegenbock im Stall. Nimm den mit ins Zimmer." Ich hab gedacht, der ist meschugge, der nimmt mich auf den Arm:
"Den Ziegenbock mit ins Zimmer?" - "Doch, doch! Tu, was ich dir sage", meinte der Rabbi, "und komm nach einer Woche wieder."

Nach einer Woche bin ich wieder hin, völlig am Ende. "Wir können es nicht mehr aushalten, Rabbi. Es ist noch voller, noch lauter. Und der Bock stinkt fürchterlich!"
Da hat der Rabbi zu mir gesagt: "Geh nach Hause und stell den Bock wieder in den Stall. Dann komm nach einer Woche wieder."

Nach einer Woche bin ich wieder zum Rabbi. Ich hab ihn angestrahlt: "Das Leben ist herrlich, Rabbi. Wir genießen jede Minute. Wir haben sooo viel Platz. Kein Ziegenbock - nur wir sechs. Und ein himmlischer Frieden."

Aber auch die Tiefen des Lebens gingen nicht spurlos an Simeon vorbei. Als bei der Geburt seines vierten Sohnes seine Frau starb. Wie groß war seine Trauer; und wie ergreifend, wie er Halt in seinem Glauben fand.

Er fand wieder eine Frau, die ihm neu die Freude des Lebens schenkte – und wieder zwei Söhne und dann Rahel. Nach sechs Söhnen endlich eine Tochter. Lang ersehnt und erbeten. So glücklich hatte ich ihn noch nie gesehen. Ich freute mich so mit ihm.

Und umso grausamer: Wenige Wochen nach der Geburt starb sie. Lag morgens tot im Bett. Da zerriss er mitten im Tempel sein Gewand. So groß war sein Schmerz.

Viele Jahre brauchte Simeon, um wieder auf die Beine zu kommen. Wieder in das tiefe Vertrauen zu Gott zu finden. Überhaupt veränderte er sich. Er war nicht mehr so dynamisch, nicht mehr so quirlig und unruhig. Auch merkte man, wie die Gesundheit ihm mehr und mehr zu schaffen machte. Aber erstaunlicher Weise: Er strahlte eine immer größere Ruhe und Zufriedenheit aus. Und die war wohltuend und ansteckend.

Er war nicht mehr so mit seinem Beruf beschäftigt, seine Gedanken kreisten nicht mehr so stark um ihn selbst und seine Familie. Seine Hoffnung richtete sich in diesen Jahren mehr und mehr auf einen anderen: Auf den Retter, den Messias, auf den wir Jüdinnen und Juden warten. Den Messias, der die Welt verwandeln wird.
Am Versöhnungstag glänzten seine Augen, wenn das Schofar erklang, das den Messias ankündigt. (Schofar spielen!)

Mit Leidenschaft las er in den „Nevi´im“, den Büchern der Propheten. Die Schriftrollen von Jeremia und Micha, Hesekiel und Joel . Und vor allem Jesaja. Vom Volk, das in der Finsternis wandelt, im Todschattenlande; das sieht ein großes Licht. Von den Verheißungen des kommenden Friedenskönigs. Die versetzten ihn in große Unruhe.

Eines Tages kam er zu mir und bat mich um ein Gespräch. Er sagte: „Hannah, hör mir mal zu; was ich geträumt habe! Im Traum hat mir Gott durch seinen Heiligen Geist gesagt, dass ich – noch bevor ich sterben werde – den Messias sehen werde. Allerdings: Wann und wo hat er mir nicht gesagt. Und auch nicht, woran ich ihn erkennen werde. Kann das wahr sein? Werde ich das noch erleben dürfen?“

Jahre gingen ins Land. Wir wurden älter, Simeon – und ich genauso. Wir waren schon weit über 80. Und immer wieder musste ich an den Traum Simeons denken.

Und dann kam der Tag, den ich nie vergessen werde. Simeon war gerade dabei, in einer der Thora-Rollen zu lesen, als ein Paar mit einem Neugeborenen den Tempel betrat. Am Eingang kauften sie zwei junge Tauben, um sie Gott zu opfern. Das ist bei uns Juden so üblich, wenn man seinen ersten Sohn bekommt.
Das Paar – es war ein etwas älterer Mann – und eine blutjunge Frau. Ihr Kind fest in einem Tuch eingewickelt.

Plötzlich kam Leben in den alten Simeon; unsanft legte er die Thora-Rolle auf den Tisch, sprang auf und eilte auf die Familie zu. Er umarmte die Frau, bestaunte das Kind - und fiel dann auf seine Knie. Ein Leuchten ging über sein altes Gesicht, ein Lächeln, das sich über seinen ganzen Körper ausbreitete.

Und mit seiner alten Stimme hob er an, Gott zu loben.

HERR, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, welchen du bereitest hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden, und zum Preis deines Volkes Israel.

Mir war, als würde die Zeit stillstehen. Kein Laut war zu hören außer dem Gesang des alten Simeon. „So muss der wahre Friede sein!“, dachte ich bei mir. „So muss es sein, wenn der große Schalom Adonais über unser Volk kommt.“

Aber hatte ich richtig gehört? Nicht nur über unser Volk…?
Wie ein Prophet hatte Simeon gesprochen: Dieser Heiland ist das Heil, dass Gott allen Völkern bereitet hat. Ein Licht zur Erleuchtung der Heiden – also aller Menschen, die noch nicht an unseren Gott glauben.

Und wie ich da so danebenstand und ebenfalls dieses Kind bestaunte, kamen auch über mich die Worte Gottes. Ich stimmte ein in den Lobgesang des Simeon. Auch in mir war plötzlich eine ganz große Freude und zugleich ein tiefer Friede. Ja, das muss der Retter, der Erlöser der Welt sein!

Wie ich weiß, haben wir beide, Simeon und ich, den Weg in eure Heiligen Schriften gefunden. Eine große Ehre für mich. So bin ich eine Prophetin des Ersten und des Zweiten Bundes geworden.

Aber im Letzten geht es nicht um meinen Namen, nicht um meine Ehre, sondern um das, was wir beide erfahren durften, der alte Simeon und ich. Und darum, dass auch ihr spürt, dass Gott in diesem Kind den Retter der Welt geschickt hat, der Licht und Frieden in diese Welt bringt:

So lasst uns gemeinsam einstimmen in die Worte des Simeon:

HERR, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, welchen du bereitest hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden, und zum Preis deines Volkes Israel. (EG 779)

Amen.

 

Autor / Autorin
Christian Kühlewein-Roloff
geschäftsführender Pfarrer